Der gemeinschaftliche Weg als Eltern

Lisa sagte im Paarcoaching „eigentlich müsste ich mich freuen, dass Paul jetzt verstanden hat, worum es mir geht. Ich ärgere mich aber, dass ich so lange dafür kämpfen musste.“

Paul hat nach der Geburt der gemeinsamen Tochter sein bisheriges Leben in großen Teilen weitergeführt. Indem er weiterhin zwei Mal die Woche abends zum Sport gegangen war und sich in der Regel an weiteren Abenden der Woche mit seinen Freunden getroffen hatte.
Es war aber immer so, dass er sich um alles gekümmert hatte, wenn Lisa ihn um etwas bat. Sie bemängelte allerdings, dass zu wenig  Eigeninitiative von ihm gekommen war.

Sie wünschte sich, dass sie sich die Aufgabe mit dem Baby mehr teilten. Er sollte nicht genauso viel tun wie sie, dafür war sie zu Hause geblieben. Sie wollte aber, dass er in der Zeit, in der er Zuhause ist, sich genauso einbringt und verantwortlich zeigt wie sie.

Zu Beginn fühlte er sich überfordert mit dem kleinen Baby und war froh, dass sich Lisa darum kümmerte.
Sie wurde mit der Zeit immer unzufriedener und als sie merkte, dass er nicht Verstand worum es ihr ging, lauter und vorwurfsvoller. Er dachte, sie müsste doch jetzt das beste Leben zuhause haben und verstand tatsächlich nicht, worum es ihr eigentlich ging.
So wurden der Sport und seine Freunde ein willkommener Fluchtpunkt, da er sich immer unwohler Zuhause fühlte.

Nach einem weiteren lauten und schlimmen Streit, sah sie keine andere Möglichkeit mehr, als ihre Sachen zu packen und mit der kleinen Tochter zu ihrer Familie zugehen.

Erst war er sehr wütend darüber, dass sie gegangen war, dann setzte allerdings ein Erwachen ein. Er vermisste beide und fand es ganz schrecklich zuhause alleine.
Er empfand es so, als er in der Zeit vorher abgetaucht gewesen, wie in einem Tunnel und konnte nicht mehr wahrnehmen, was Lisa eigentlich wollte. Er fühlte sich, mit egal was sie sagte, angegriffen.

Paul meldete sich bei ihr und sie fingen an über die Situation zu reden und sich auszutauschen. Er konnte sie jetzt verstehen und versprach ihr sich mehr einzubringen. Sie wollte nicht, dass er alles aufgab, dafür wusste sie, wie wichtig ihm der Sport und seine Freunde sind. Sie wollte einfach mehr Zeit mit ihm zuhause gemeinsam verbringen.

Sie kam wieder zurück und es war tatsächlich so, wie er es versprochen hatte. Es viel ihr allerdings sehr schwer ihm zu verzeihen, dass sie erst gehen musste, bis er endlich die Bereitschaft hatte sie zu verstehen.

Alles war eigentlich jetzt gut, aber diese Erfahrung war wie ein Stachel in ihr, der ihr Zusammenleben immer wieder vergiftete, indem sie  ihm das regelmäßig vorwarf.

Das war dann auch der Grund, warum sie zu mir kamen. Sie wollten nicht mehr streiten und wieder friedlich und glücklich miteinander leben.

Manchmal ist das so, wie bei Lisa, dass mehrere Gefühle gleichzeitig da sind.
Sie war froh, dass Paul wieder erreichbar war für sie und gleichzeitig war sie wütend.
Darüber, dass es so lange gedauert hatte.
Hinzu kam die Angst, dass es wieder zu einer Situation kommen könnte, wo sie zum äußersten Mittel greifen müsste.

Es gibt immer einen richtigen Zeitpunkt, bei dem der Wandel geschieht: Das ist nämlich der, in dem er geschieht. Manchmal wünscht man sich einen früheren, aber es hat nun mal die Zeit gebraucht, die es gebraucht hat.

Paul hat die Erfahrung des „Ausziehens“ gebraucht, um aus seinem Tunnel herauszukommen.
Das ist zwar bitter, aber es ist, wie es ist.

Es ging für Lisa darum, anzunehmen, dass dieser Zeitpunkt genau der richtige war und nicht mehr damit zu hadern.

Außerdem hatte sie natürlich die Angst, dass sie bei zukünftigen Konflikten auch erst zu diesem Mittel greifen muss, damit er ihr zuhört.

Für Paul war es auch eine schrecklich Zeit und er will das auch nicht noch einmal erleben.
Er hat aus dem Konflikt gelernt: Er hat gemerkt wie wichtig sie und ihre Tochter für ihn ist. Er hat seine Prioritäten für sich geklärt und will dementsprechend auch in Zukunft handeln.

Lisa`s Angst wird sicherlich noch einige Zeit da sein. Das ist auch völlig in Ordnung. Wichtig hierbei ist, dass sie wahrnimmt, aber nicht aus ihr heraus zu handeln, sondern auf sich als Paar zu setzen und auf das positive, dass jetzt auch von Paul kommt.
Dann haben beide sehr große Chancen gestärkt aus ihrem Konflikt hervorzugehen.

Kerstin Girnus, Bielefeld, 29. Juni 2017

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