2 verschieden Streittypen

In meiner Praxis für Paarberatung stelle ich immer wieder fest, dass es zwei verschiedene Streittypen in Partnerschaft gibt.
Die einen „machen es mit sich selbst aus“ und die anderen „lassen den Dampf ab“. Was geschieht, wenn man mit einem der beiden zusammen ist, beschreibe ich an dem Beispiel von Katrin und Dirk*.
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Seine Gefühle sind nicht mehr da

Die beiden kamen auf ihr Drängen zu mir. Dirk hatte seiner Frau Katrin in der Woche davor eröffnet, dass er sie nicht mehr liebe und sie verlassen will. Er könne Ihre Wutausbrüche und die damit verbundenen Vorwürfe nicht mehr ertragen. 

Er hatte ihr zwar immer mal wieder in den letzten zwei Jahren gesagt, dass er unzufrieden und unglücklich sei, sie hatte das allerdings auf seine stressige Arbeit geschoben.
Er hatte bisher mit keinem Wort erwähnt, wie weit er sich von ihr entfernt hatte.
Katrin war sehr verletzt darüber, dass er ihr keine Chance gab etwas zu verändern und sie vor vollendete Tatsachen gestellt hat. 

Sie war am Boden zerstört.
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Streittyp 1 in Partnerschaft: Streit vermeiden und dann kommt das dicke Ende
Streittyp 2 in Partnerschaft: Ich lasse meinem Ärger freien Lauf

Prinzipiell gibt es zwei verschiedene Streittypen, wie man gut an Katrin und Dirk erkennen kann: Die einen, die Streit vermeiden und es entweder verdrängen oder es lieber mit sich selbst ausmachen und diejenigen, die ihre Unzufriedenheit äußern und auch mal ihrem Ärger und ihrer Wut freien Lauf lassen und keine Angst vor Streit haben.  

Viele partnerschaftliche Probleme kann man nicht alleine mit sich ausmachen, da der Andere Teil des Problems ist.

Wenn man Streit vermeiden will und deswegen nicht ins Gespräch geht, weiß der andere nicht, dass es ein Problem gibt und es kann nicht zu einer gemeinsamen Lösung kommen.
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Das Fass ist voll

Es kommt dann eine negative Situation nach der nächsten und sie sammeln sich wie Tropfen in einem Fass. Irgendwann ist es dann tatsächlich so, dass eine kleine Situation das Fass zum überlaufen bringt und man sich trennt. 

So war es auch bei Dirk. Ein Wutausbruch von Katrin hat ihn innerlich so aufgebracht, dass er für sich entschieden hat: Jetzt reicht es!

Das ist dann für den andern sehr überraschend und wenig nachvollziehbar. 

Wenn Paare dann zu mir kommen, ist es manchmal zu spät für einen Wandel, weil der eine sich innerlich schon so weit entfernt hat, dass er keine Bereitschaft mehr hat, sich auf den Partner einzulassen.
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Die Wutspirale

Katrin war gestresst durch die familiäre und berufliche Situation und fühlte sich alleingelassen von Dirk. Sie sprach das immer wieder an und je weniger er auf sie einging, umso wütender wurde sie. 

Wenn sie aufhörte zu streiten, nahm er das Thema zu einem anderen Zeitpunkt nicht nochmal auf, was es für sie immer schwieriger machte, den Streit zu beenden und die Streitigkeiten wurden immer bitterer. 

Eine Absicht für ihre Wutausbrüche war unter anderem irgendeine Reaktion von ihm zu provozieren. 

Sie drückte ihre Unzufriedenheit in vielen Situationen aus, in dem sie abfällig mit ihm sprach und immer häufiger wütend wurde und ihrer Wut auch freien Lauf lies.

Dadurch wusste zwar Dirk, dass sie ärgerlich war, aber er fühlte sich durch ihre Art und Weise der Kommunikation so verletzt, dass er sich nur noch mehr zurückzog. 

Ihre Wutausbrüche waren also auch kein konstruktiver Beitrag zu einer Lösung. 
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Wichtig: Sich auf den Coachingprozess einlassen, ohne zu wissen zu welchem Ergebnis es führt

Dirk und Katrin hatten allerdings zwei kleine Kinder und gerade ein Haus gekauft. Seine Entscheidung hätte weitreichende Konsequenzen nicht nur für sie als Paar gehabt, sondern auch für die Kinder. Er glaubte zwar nicht daran, dass das Paarcoaching etwas an seiner Entscheidung verändern würde, aber er war bereit sich auf den Prozess einzulassen. 
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Wie kann man Streit in Partnerschaft lösen?

Er redete darüber, was zu seiner Entscheidung geführt hatte. Er wollte nicht mehr sich zurückziehen, sondern ins Gespräch gehen. Er wollte für sich selbst lernen unliebsame Situationen anzusprechen, unabhängig, ob es möglich war, eine partnerschaftliche Zukunft mit Katrin wieder aufbauen zu können. 

Katrin tat ihres dazu und hörte sehr mitfühlend und wertschätzend zu. Sie sah selbst, dass sie in den letzten Jahren gestresst und zeitweise überfordert war mit den Kindern und dann ungerecht mit Dirk umgegangen war. Sie lernte mit ihrem Ärger und ihrer Wut umzugehen und ein wertschätzendes Verhalten ihm gegenüber. 

Er merkte, dass ihn das berührte und er wieder sein Herz nach und nach für sie öffnen konnte. 

In diesem Fall war es noch nicht zu spät und die Veränderungen fielen auf einen fruchtbaren Boden.

*Mir ist Vertraulichkeit und Diskretion sehr wichtig, so dass Katrin und Dirk natürlich kein reales Paar sind. Ich habe verschiedene Erfahrungen in den beiden Figuren gebündelt.

Weitere interessante Blogbeiträge zu dem Thema:
Der Paarcoach als Übersetzer

Wir haben uns nichts mehr zu sagen

Kerstin Girnus, Praxis für Paarberatung und Eheberatung in Bielefeld, 25. März 2019

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